Von der Musik „besessen” (Kritik & Interview)

Von der Musik “besessen”
Von der Musik “besessen”

Von der Musik “besessen”
Die Rheinpfalz, 2013.02.07

The Sunpilots aus Australien ist seit zwei Jahren auf Europa-Tour und denkt nicht an die Heimreise


Die Band The Sunpilots ist anders, in vielerlei Hinsicht. Das äußert sich nicht nur an ihrer Musik des progressive Rocks, einem wilden Stil irgendwo zwischen Nirvana, Pink Floyd, Red Hot Chilli Peppers und Placebo. Es äußert sich auch in den Umständen ihres Wirkens. Seit über zwei Jahren sind die Australier auf Europa-Tour. Am Samstag waren sie im “Haus” in Landau.

Es ist dunkel im Raum. Plötzlich ertönt ein einsamer Bass-Akkord. Er schlägt ein wie ein Erdbeben. Der Magen grummelt, die Füße zittern, und eines ist klar – was die knapp 100 Menschen in dem heillos überfüllten Nebenraum des “Hauses“ in Landau erwartet, ist kein Kuschel-Rock. Vielmehr ist es der gelungene Kontrast zum Deutsch-Pop der Band Anstatt Blumen, deren sphärisch-leichter Klang und deren eher stille Töne an Bands wie Juli oder Silbermond erinnern. Die Wiener waren keine offizielle Vorband, dennoch outete sich Sängerin Lilli Born: “Ich bin auch schon ganz gespannt auf The Sunpilots. Diese Jungs sind einfach total bekloppt.“ So gingen auch Anstatt Blumen nach ihrem Auftritt in den Nebenraum des Kulturzentrums, wo The Sunpilots die Nacht zum Tage machten.

Wie gesagt, seit über zwei Jahren sind die Australier auf Europa-Tour, in dieser Zeit waren sie lediglich für vier Wochen auf Heimaturlaub in Sydney. “Wir haben alles auf eine Karte gesetzt“, erzählt Frontmann Raj Siva-Rajah. Ein Zurück gebe es nicht für die Band – man bleibe so lange in Europa “bis wir den Durchbruch geschafft haben – oder bis wir uns gegenseitig umbringen“, verrät er augenzwinkernd.

Tatsächlich hat die 2008 gegründete Band vieles aufgegeben. Familie und Verwandte wurden zurückgelassen, Jobs – Siva-Rajah etwa war Verkäufer, Gitarrist Bob Spencer Gitarrenlehrer – wurden gekündigt, das Ersparte wurde geplündert. Alles für eine ungewisse Zukunft in Europa. Im September 2010 landete die Band zunächst in Berlin, wo sie eine Wohnung bezog, heute lebt die Band im Tourbus “auf der Straße“.

“Angefangen haben wir mit Konzerten vor 15 Menschen, heute kennt man uns schon besser“, weiß Sänger Siva-Rajah zu berichten. Schnell kam die Band in finanzielle Schieflage, doch im dicht bevölkerten Europa habe eine Independent-Band mehr Chancen als im Outback.

“Wir sind Musiker, wir sind besessen davon, Musik zu machen. Für mich gibt es nichts Vergleichbares, was mich im Leben so ausfüllt“, verteidigt Raj den Entschluss. Bereut habe die Band dies nie.

Und diese Leidenschaft übertragen sie auch auf die Bühne. Beats wie aus einer fremden Zukunft gehen ins Mark, die um Ordnung bemühten, chaotischen Harmonien unterstreichen die Botschaft ihres neuen Albums “King of the Sugarcoated Tongues“, deutsch etwa “König des Schönredens“. Das Album erinnert an die großen Rock-Opern, erzählt es doch in mehreren Kapiteln eine Parabel über die Gesellschaft am Beispiel der futuristischen Menschheit. “Im Zentrum steht der Gedanke, dass die Menschheit endlich Verantwortung für das eigene Handeln übernimmt. Hierfür lassen wir die Gesellschaft nach einem großen Krieg neu entstehen.“ Elementar ist der Gegensatz zwischen Sicherheit und Freiheit. Jeder Mensch brauche und wolle beides, schiebe die Schuld für “falsche Gesetze“ aber stets nur auf die Politiker, anstatt sich der eigenen Verantwortung bewusst zu sein. Es ist diese innere Zerrissenheit, dieses Chaos, das in den martialischen, harten und düsteren Songs mitschwingt und in seiner Suche nach Ordnung der Gesellschaft den Spiegel vorhält, wie im Song “The Piper’s Mirror“ oder im Prolog “3 Minutes to Midnight“, der vom völlig berauschten Publikum als fünfte Zugabe ein weiteres Mal gefordert wurde. Man kann das Album gratis auf thesunpilots.com/sugarcoated herunterladen.

Zum zweiten Mal sind The Sunpilots nun schon in Landau. Überhaupt scheinen sie sich zu echten Deutschland- Experten zu entwickeln. “Wir sind schon in jedem Bundesland aufgetreten und sind dort mit sehr vielen Menschen in Kontakt gekommen – vermutlich mehr, als die meisten Deutschen“, scherzt Siva-Rajah. Für die Australier sei Deutschland vor allem eines – das Land der grünen Autobahnen und natürlich des Bieres. Insofern sei Landau in Deutschland einzigartig, denn “hier gibt es einen Wein, der sogar fast so gut wie australischer ist“.

Auch in Fragen der Finanzierung geht die Band eigene Wege, vermarktet sich vollständig selbst – und stellt ihre Musik zum Gratis-Download auf die Homepage. Einzige Bedingung: “teilt das der Welt auf Facebook und Twitter mit!“. Denn “wer die Band wirklich unterstützen will, der spendet, zahlt freiwillig für das Album, kauft etwas aus dem Merchandise-Shop ( thesunpilots.com/shop ) oder besucht die Konzerte“.

The Sunpilots sehen ihr Album daher als Teaser, um Unentschlossene in ihre Konzerte zu locken. Und davon gibt es im Schnitt vier pro Woche, europaweit. Probleme mit Internetpiraterie? Ganz im Gegenteil. “Je mehr sie kopieren, umso besser!“ Bleibt für die sympathische Band zu hoffen, dass sich diese Strategie auch finanziell auszahlt. (seak)